Kamera an oder aus in Videokonferenzen – ein Dilemma

Kamera an oder aus in Videokonferenzen – ein Dilemma

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Ganz bewusst habe ich ein wenig dramatisch die Überschrift „Kamera an oder aus in Videokonferenzen – ein Dilemma“ gewählt. Tatsächlich nehme ich es immer mal wieder als Dilemma war, in dem Teilnehmende und Gastgeber:innen virtueller Veranstaltungen stecken. Vor allem als Moderator:in einer virtuellen Veranstaltung, also eines Meetings, einer Konferenz, eines Online-Seminars, eines MeetUps etc. wünsche ich mir je nach Anzahl der Teilnehmenden, dass die Kameras angeschaltet werden. Ich gehe in diesem Artikel davon aus, dass es anderen ähnlich geht. Jedoch schaltet man als Teilnehmende immer mal wieder die Kamera aus.

Ich möchte Euch in diesem Blogartikel aus meinen Erfahrungen der vergangenen Jahre berichten, was für mich in der Rolle der Moderatorin gut funktioniert hat und zu meiner eigenen Gelassenheit in virtuellen Veranstaltungen beigetragen hat. 

Rolle Moderation

In der Rolle der Moderation trage ich die Haltung einer Gastgeberin in mir. Für mich bedeutet dies, dass ich Menschen einladen möchte, in einen virtuellen Raum einzutreten und sich willkommen zu fühlen. Das heißt für mich, dass möglichst viele mit ihren Wünschen und Bedürfnissen gesehen und anerkannt werden. 

Mein liebstes Beispiel sind Vorlesungen. Viele meiner Lehrendenkolleg:innen beschweren sich über ihre Studierenden, dass diese häufig ohne Bild den Ausführungen folgen. Ich bin im Pandemie-Jahr in die Tätigkeit als freiberufliche Dozentin an der FOM eingestiegen. Das heißt, ich kannte von Beginn an nichts anderes als virtuelle Lehre. Meine Gruppe besteht meist aus unter 20 Teilnehmenden. Bereits vor Beginn des neuen Semester versende ich eine E-Mail, in der ich die Studierenden begrüße und ankündige, dass wir mit Bild kommunizieren werden und man sich darauf einstellen möge. Passt in Summe sehr gut zu meinem Modulthema psychologische Gesprächsführung. Hinter der Vorbereitungs-Mail verbirgt sich bereits meine Haltung in Bezug auf virtuelle Veranstaltungen aller Art. Ich ergänze häufig in der Nachricht, dass es mir vor allem um folgende Aspekte und Werte geht 

  • Miteinander
  • Beziehungsaufbau
  • Interaktion 
  • Gespräche
  • Resonanz

Genau diese Werte formuliere ich zu Beginn meiner Veranstaltungen. Damit adressiere ich einerseits meine Ziele, vielleicht auch meine Bedürfnisse. Jedoch sind es Wünsche, die ich in mir trage und die sich nicht unbedingt mit denen der Teilnehmenden decken mögen. Den Studierenden gebe ich noch eine weitere Info mit: es ist mir gleich, wie und wo sie der Vorlesung folgen. Ich fänd es aus den aufgezählten Gründen schön, dass wir mit Bild kommunizieren, vor allem aktiv mitdenkend und redend, im Chat kommentierend die Vorlesungen miteinander gestalten. Es geht mir nicht um eine One-Woman-Show, sondern um ein Miteinander und Voneinander lernen.

Das Verhalten anderer hat nicht unbedingt etwas mit mir zu tun

Ich sehe es nicht als mangelnde Wertschätzung an, wenn nebenher die Wäsche gemacht oder gekocht wird, die Runde dabei Sekt trinkt usw. Es ist mir gleich, solange es Menschen dabei gut geht und sie parallel etwas tun können, was ihre Aufnahmefähigkeit steigert, kann ich das nur unterstützen. Zu den parallelen Aktivitäten, gern auch Spazieren gehen während eines MeetUps, kann ich nur sagen: genau richtig so. Wir verbringen seit einiger Zeit so unendliche viele Stunden unbewegt vor den digitalen Endgeräten, so dass ein wenig Bewegung und Aktivität gewiss gut tut. Zudem ggf. auf diese Weise weniger Stress entsteht, weil bereits andere Dinge, die kein Nachdenken erfordern, erledigt werden konnten. Ergänzend ist es so, dass sich manche Menschen besser konzentrieren können, wenn sie parallel noch etwas anderes machen. 

Ich erkläre wiederum auch zu Beginn der Vorlesung, was es mit mir macht, wenn ich mit schwarzen Kacheln spreche: Ich sehe keine Resonanz, keine Mimik, Gestik. Häufig ist es so, dass ich Menschen vergesse einzubeziehen, wenn ihre Kamera aus ist bzw. es mich arg anstrengt, dies eben nicht zu tun. Und klar, es ist ein wenig Selbstoffenbarung, die ich betreibe, auf diese Weise kann ich jedoch meine Bedürfnisse und Wünsche erklärbar machen. So können andere verstehen, warum es mir so wichtig ist, dass wir mit Bild kommunizieren und wir können „in die Verhandlung, Aushandlung“ unserer Bedürfnisse gehen.  

Ein Beispiel aus 2021

Tatsächlich habe ich auch bereits Veranstaltungen erlebt, sogar aufgrund technischer Hürden ein komplettes Online-Seminar, in dem die Kameras ausbleiben mussten. Faszinierend, dass dennoch eine gute Lernatmosphäre und Resonanzen entstanden sind. Jedoch war dies unheimlich anstrengend für mich und erforderte, da die technischen Umstände mich überraschten, so einiges an Improvisationstalent. 

Perspektivwechsel und Akzeptanz

Ich kann es verstehen, dass die Kamera doch so manches Mal ausbleibt. Hier ein herzliches Dankeschön an einige meiner ehemaligen Studierenden für Euer Feedback zum Thema und auch Eure Offenheit, mir Eure Perspektive zu beschreiben. Ich könnte unsere gemeinsamen Lernerfahrungen in allen weiteren Online-Veranstaltungen nutzen.

Für einige Menschen ist es sehr anstrengend, einerseits sich die ganze Zeit über selbst zu sehen und auch andere die ganze Zeit im Blick zu haben. Es gibt sogar erste Studien dazu, die erklären, warum gerade Frauen aufgrund dessen schneller #zoomfatigue erleben und digital erschöpft sind. Wir fühlen uns beobachtet, im Fokus, haben vielleicht einen schlechten Tag gehabt, möchten noch etwas essen und das unbeobachtet, die Technik macht nicht mit, das Privatleben soll nicht gezeigt werden oder ähnliches. Vollkommen in Ordnung. Das ist menschlich. 

Hilfreiche Haltung als Online-Moderation

Was hier meiner Meinung nach hilft, um durch Kamera an oder aus nicht gestresst zu werden, sind folgende Punkte

  • Klarheit in Bezug auf eigene Wünsche und Bedürfnisse
  • diese wiederum klar zu kommunizieren, tatsächlich als Wunsch, nicht als Forderung (siehe Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg Blogartikel | Podcast-Folge)
  • den Perspektivwechsel wagen und akzeptieren, dass es andere von meinen abweichende Bedürfnisse gibt, die auch ihre Berechtigung haben. Ich erforsche gern die gute Absicht meines Gegenübers, dies hilft auch hier ungemein  
  • das Thema besprechbar machen und Meinungen, Stimmungen dazu einholen und sich auf ein virtuelles Miteinander verständigen, was für viele annehmbar ist
  • ich bedanke mich gern bei denjenigen, die ihre Kamera anmachen, um weitere zu motivieren, dies auch zu tun. 

Kamera aus? Verschiedene Interaktionsmöglichkeiten nutzen, um Resonanzen zu erzeugen

Bleibt die Kamera aus, sind wir als Moderator:innen auf andere Weise gefordert und können die technischen Möglichkeiten für uns und unsere Gruppen nutzen. Interaktionsmöglichkeiten sind für mich vor allem folgende

  • Über den Chat können wir ebenso Wortbeiträge aufnehmen. Dies ist grundsätzlich zu empfehlen, um Teilnehmende einzubeziehen, die nicht gern vor (großen) Gruppen ihre Gedanken teilen.
  • die Reaktionen in z.B. Zoom können ebenso Resonanzen erzeugen und Feedback zu Wortbeiträgen möglich machen
  • Umfrage-Tools wie Mentimeter aktivieren und beziehen alle mit ein 
  • wenn Kamera aus, dann zumindest immer mal wieder einladen, sich per Ton zu beteiligen
  • Was immer hilft, um Verbindung zueinander in virtuellen Räumen aufzubauen, ist die persönliche Ansprache mit Namen

Grundsätzlich bin ich froh so zahlreiche Erfahrungen in verschiedenen Online-Formaten frühzeitig gemacht zu haben. Was ich jeder Moderation empfehle ist, sich Feedback einzuholen und auch sich selbst zu reflektieren:

  • Welche Rolle möchte ich einnehmen?
  • Was unterscheidet meine Online-Moderation von einer Moderation in Präsenz?
  • Welche vorhandenen Kompetenzen kann ich nutzen, welche könnte ich dabei noch ausbauen?

Auch wenn ich weiterhin Fan davon bin, Formate in Präsenz zu gestalten, bin ich sehr begeistert von den Möglichkeiten, die sich durch Online-Veranstaltungen ergeben.

Ich freue mich, wenn sich unsere Arbeitswelten dahingehend verändern, dass wir die  Vorzüge der Digitalisierung und damit einhergehenden Flexibilisierung von Arbeit für uns bestmöglich nutzen.

Solltest du Fragen haben, sende mir jederzeit gern eine Nachricht. Hast du eigene Erfahrungswerte zum Titelthema „Kamera an oder aus in Videokonferenzen – ein Dilemma“, teile diese gern in den Kommentaren. So können wir alle voneinander lernen. 

Geschrieben von:

Sandra Brauer

Sandra Brauer, Diplom-Kauffrau (FH), Systemische Beraterin (DGSF-zertifiziert), Stressmanagement-Trainerin, Prozessbegleiterin in der digitalen Transformation, Lehrauftrag an der FOM Hochschule Hamburg; Gründerin des Systemischen Netzwerks, Autorin im Junfermann Verlag. Schwerpunkte: Coaching von Einzelpersonen und Teams, Vermittlung digitaler Kompetenzen weitere Websiten: https://systemischesnetzwerk.de

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2 KOMMENTARE

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Maria Kloza

Hallo Sandra, hier ist Maria!
ich als Teilnehmerin habe sehe gerne Kamera an, da ich mich einfach der Gruppe zeigen möchte. Ich will, dass sie mich kennenlernen und möchte auch die Gruppe gut kennenlernen und ich denke dabei hilft es sehr, wenn man das Gesicht sieht. Ich habe gestern an einer Online Beratung zum Thema: Laptop teilgenommen. Der Berater war sichtbar für mich und ich aber nicht für ihn. Er konnte mich nur hören. Ich habe als Feedback zu der Beratung geschrieben: „ich wünsche mir gesehen zu werden“. Ich hatte nicht Mal eine Wahl die Kamera an- oder auszuschalten. Die wurde „für mich“ ausgeschaltet und es hat sich für mich etwas unpersönlich und unangenehm angefühlt. Ich bin also für das Persönliche, für das Direkte und dafür dass wir unsere Namen auch viel häufiger benutzen als nur am Anfang in der Vorstellungsrunde. Habe gehört, dass wenn man mit dem Namen angesprochen wird, entstehen Endorphine im Körper. In meinem – passiert es auf jeden Fall 🙂

    comments user
    Sandra Brauer

    Hallo liebe Maria, so eine Erfahrung ist natürlich schade. Gerade im Coaching/in der Beratung braucht es ja häufig Nähe und Vertrauen und diese ist bei vielen Menschen durch Bild-Kommunikation eher gegeben. Dankeschön für´s Teilen und liebe Grüße, Sandra

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