Meine Wenigkeit

Meine Wenigkeit

sprache schafft wirklichkeit

Ich stolperte auf Social Media über einen Beitrag einer Frau, die ihren Auftritt als Moderatorin einer großartigen Veranstaltung der New Work Szene bei uns in Hamburg ankündigte. Im Beitrag schrieb sie von ihrer Moderation mit dem Zusatz „Meine Wenigkeit“. 

  • Mein erster Gedanke dazu: Warum müssen wir Frauen uns klein machen? 
  • Mein zweiter Gedanke dazu: Warum müssen Moderator:innen sich klein machen? 
  • Mein dritter Gedanke dazu: Warum denke ich so? Warum verbinde ich “meine Wenigkeit” nicht mit Zurückgenommen- und Bescheidenheit? 

Ich fragte mein geschätztes Netzwerk, teilte meine Gedanken dazu und bat um andere Perspektiven verbunden mit der Frage:

„Würdest du von Dir als Wenigkeit sprechen?“

Die Antworten waren sehr interessant und zeigten mir mal wieder auf, dass wir alle in verschiedenen Sprach- und Bedeutungswelten zu Hause sind.

Einführung in den Konstruktivismus

Einer der wichtigsten Impulse in meiner Vorlesung zur psychologischen Gesprächsführung sowie in Seminaren zur Einführung ins systemische Coaching ist die konstruktivistische Grundhaltung.

Am Beispiel „Meiner Wenigkeit“ erklärt

Mit meiner Erziehung und Sozialisation gehen Verhaltens-, Denk- und Sprechweisen einher. Aufgewachsen bin ich – ich erinnere mich vage – auch mit der Haltung, dass Wenigkeit der Bescheidenheit entspricht und wir stets bescheiden zu sein haben. Inzwischen ist die Wenigkeit bei mir mit einem geringen Selbstwert und beinahe einer devoten Haltung gegenüber anderen verbunden. Ich schätze mich gering und untergebe mich anderen. Daher ist meine erste Assoziation negativ.

Ich kann jedoch nicht davon ausgehen, dass meine Wahrnehmung mit jener von anderen übereinstimmt. Denn jede:r ist anders sprachlich sozialisiert. Schau dazu auch gern in das Erklärvideo auf Youtube rein. 

Meine Reaktion unter dem LinkedIn-Beitrag lautete wie folgt 

„Das klingt nach einer großartigen Woche und liest sich sehr gut. Wir kennen uns (bisher) nicht persönlich, aber ich bin über einen Satz in Deinem Posting gestolpert „moderiert von meiner Wenigkeit“ – ich hoffe, du empfindest meinen folgenden Kommentar nicht als übergriffig, sondern als Anregung zum drüber Nachdenken: sollten wir jemals von uns selbst als Wenigkeit sprechen? Auch wenn es eine alte Floskel ist, „Sprache schafft Wirklichkeit“ sagen wir Systemiker:innen immer. Somit viel Freude bei der Moderation und Euch einen tollen Abend.“

Ich wollte mit meiner Wortwahl in jedem Fall keine Bewertung vornehmen. Ich möchte mit der Kommentierung anregen darüber nachzudenken, wie die Formulierung gemeint ist und dass sie eine entsprechende Wirkung beim Leser, bei der Leserin in diesem Fall auslösen könnte. Schönen Gruß an dieser Stelle an unseren geschätzten Prof. Schulz von Thun mit Verweis auf das Sender-Empfänger-Modell und gern auch auf das Kommunikationsquadrat

Mit dem Kommentar prüfe ich also, ob meine Wirklichkeit mit jener der Autorin des Beitrages übereinstimmt. Immer mit der Haltung: „Ich bin okay, du bist okay.“

Wortbedeutungen

Warum habe ich darauf überhaupt so stark reagiert? Ich möchte, dass Frauen ganz allgemein ihr Ziel erreichen, auf Augenhöhe miteinander und mit anderen Geschlechtern zu kommunizieren. Mit einer Formulierung wie „meine Wenigkeit“ ist dies für mich nicht gegeben. 

Kopple ich nun an die Perspektiven meines Netzwerks an, wird deutlich, wie verschieden Prägungen und damit auch Wahrnehmungen und Bedeutungen von Worten sein können.

Angefangen mit der schlichten sachlichen Deutung, die dem Wort folgt und bestätigt, dass es faktisch richtig sei. Eine Moderation sei nun nicht der Hauptbestandteil einer Veranstaltung, sondern auf die Redner:innen/Spieler:innen käme es an. So würde die Moderatorin also ihre Rolle anerkennen und korrekt einordnen. 

Sehr schön gefiel mir auch die Verwendung “meiner Wenigkeit” als Floskel aus humoriger Sicht oder aber auch auf wunderbar ironische Weise das Gegenteil ausdrücken könne. 

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Nutzung des Wortes von Menschen, die sich als groß wahrnehmen und durch “ihre Wenigkeit” sich nur noch einmal mehr über andere erheben wollen.   

Bei einer Umfrage auf Instagram ist hervorgegangen, dass es 10% verwenden würden, es 20% komplett egal ist, wie das Wort verwendet wird und 70% niemals von sich als Wenigkeit sprechen würden. 

Worte schaffen Wirklichkeit

Worin sich alle einig sind, ist, dass der Ausdruck etwas älter sei und höfliches Zurücknehmen bedeute. Ein Zusatz an dieser Stelle: Bescheidenheit gilt, soweit ich weiß, in unserer Kultur weiterhin als Tugend. So sehe ich es auch. Jedoch sei hier Vorsicht geboten, dass Bescheidenheit nicht in Unterwürfigkeit mündet. So würde aus der Tugend ggf. eine Qual. Tugenden wie die Bescheidenheit unterstützen das gesellschaftliche Zusammenleben und so möchte ich in jedem Fall der Autorin eine gute Absicht bei der Formulierung unterstellen. 

Seien wir dennoch weiterhin wachsam, wie wir uns ausdrücken. Ein weiterer nicht nur systemischer Grundsatz besagt: Sprache schafft Wirklichkeit. Dem bin ich sehr treu und daher verzichte ich persönlich weiterhin auf „meine Wenigkeit“, ohne größenwahnsinnig zu werden. Auch so ein etwas Altertümliches, beinahe umgangssprachliches Wort, oder? 

Für mich ist Kommunikation zwischen Menschen immer wieder faszinierend. Mit diesem Beitrag möchte ich Dich einladen, Dich in Achtsamkeit im Umgang mit Sprache zu üben. 

  • Was hörst du? 
  • Was sendest/übermittelst du an Worten, an Informationen und an Botschaften? 
  • Was kommt beim Gegenüber tatsächlich an? 
  • habt ihr Euch tatsächlich verstanden? 

Zuhören, um zu verstehen und nicht zuhören, um zu reden, würde so unendlich viele Konflikte vermeiden. Gerade das aktive Zuhören und Verstehen mit der konstruktivistischen Grundhaltung gepaart, könnte hervorragend zu gelingenden Beziehungen in der Arbeitswelt wie auch im Privatleben beitragen.

Ich bin gespannt, was Dir dazu gerade in den Sinn kommt und freue mich auf Deine Perspektiven oder auch Fragen in den Kommentaren. 

Geschrieben von:

Sandra Brauer

Sandra Brauer, Diplom-Kauffrau (FH), Systemische Beraterin (DGSF-zertifiziert), Stressmanagement-Trainerin, Prozessbegleiterin in der digitalen Transformation, Lehrauftrag an der FOM Hochschule Hamburg; Gründerin des Systemischen Netzwerks, Autorin im Junfermann Verlag. Schwerpunkte: Coaching von Einzelpersonen und Teams, Vermittlung digitaler Kompetenzen weitere Websiten: https://systemischesnetzwerk.de

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